„Olympia ist schon etwas ganz Besonderes“
Auf den Bildern von li. nach re.: (1) In den Olympischen Ringen: Muriel Mohr, Freeski-Athletin, Korbinian Resenberger, Teammanager, Uta Klamser, Physiotherapeutin, Jirka Volak, Bundestrainer, und Franz Niedermeier. (2) Muriel Mohr, Korbinian Resenberger und Franz Niedermeier. (3) Muriel Mohr beim Training nimmt ein sogenanntes Rail in der Disziplin Slopestyle. (4) Sprung in den Nachthimmel: Olympionikin Muriel beim Training in der Disziplin Big Air.
Herr Niedermeier, Sie haben das deutsche Team bei den diesjährigen Winterspielen begleitet. War das Ihr erster Olympia-Einsatz?
Ich war bereits 2024 in Paris mit den Basketball-Damen dabei – eine spektakuläre Erfahrung. Sommerspiele haben den Vorteil, dass alles an einem Ort stattfindet mit einem großen olympischen Dorf. Die Atmosphäre dort war in Paris magisch: Überall begegnete man Athleten aus aller Welt, die man sonst nie zusammen sieht. Den Winter-Olympioniken fehlt das gemeinsame Dorf ein bisschen.
Wo waren Sie bei den Winterspielen im Einsatz?
Vor allem in Livigno und Bormio. In Livigno fanden Wettbewerbe statt, die nicht immer im großen Rampenlicht stehen – etwa Freeski, Buckelpiste oder Snowboard. Sportlich extrem anspruchsvoll, aber weniger Zuschauermagnete. Die Wettkampfstätten waren kompakt in einem Stadionbereich angelegt, das war sehr gut organisiert und die Stimmung großartig. Für die Einheimischen in Livigno war Olympia ohnehin ein absolutes Highlight. In Bormio war die Atmosphäre etwas anders, dort ist man an Großveranstaltungen wie den Weltcup gewohnt.
Was macht Olympia so besonders?
Natürlich geht es um sportliche Höchstleistungen, aber fast genauso wichtig ist das Erlebnis. Das merkt man schon daran, wie sehr sich viele Athleten auch über eine Bronzemedaille freuen. Ob Gold, Silber oder Bronze, das ist oft nicht mehr so wichtig. Außerdem treffen bei Olympia Sportler aufeinander, die sich sonst nie begegnen – auch aus Ländern, die man nicht unbedingt mit Wintersport verbindet. Bei der Eröffnungsfeier lief zum Beispiel hinter uns das Team aus Jamaika: Vater und Sohn, der Papa Trainer und der Sohn Slalomfahrer. Die beiden haben sich rührend gefreut, dabei zu sein – das hat uns sehr bewegt.
Welche Aufgaben hat ein Teamarzt bei Olympia?
Pro Standort gibt es einen betreuenden Arzt – und der ist für alles zuständig. Ein großer Teil meiner Arbeit drehte sich um Infektionskrankheiten, wie bei einem Hausarzt: Schnupfen, Husten, Fieber oder Magen-Darm-Probleme, sowohl für die Sportler als auch das Team hinter den Sportlern. Natürlich gehört auch die klassische Wettkampfbetreuung dazu, rund um die Uhr. Man wohnt mit im Dorf und ist fast ständig mit dem Team unterwegs. Und gerade bei den Freeskiern muss man sehr aufmerksam sein. Bei Disziplinen wie Slopestyle, Big Air oder Halfpipe erreichen die Athleten Sprunghöhen von bis zu zehn Metern. Nach medizinischer Definition wäre ein Sturz aus dieser Höhe eigentlich ein Fall für den Schockraum. Stürze gehören bei diesen Disziplinen zum Alltag – als Arzt darf man da manchmal nicht zu genau hinschauen.
Sind Sie für die Sportler auch eine Art Seelsorger?
Unbedingt. Natürlich gibt es auch Sportpsychologen, aber als Arzt ist man den Athleten sehr, sehr nah. Man begleitet sie nicht nur medizinisch, sondern bekommt auch ihre Stimmung und ihre Sorgen mit. Nach mehr als zehn Jahren im Leistungssport kenne ich viele dieser Verfassungen gut und kann oft unterstützen.
Gab es einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Unsere Top-Athletin hat sich verletzt und musste operiert werden. Trotzdem haben wir versucht, sie rechtzeitig wieder zum Wettkampf zu bringen – ähnlich wie bei Lindsey Vonn in einem vergleichbaren Fall. Wir haben es geschafft, sie an den Start zu bringen, was ihr sehr wichtig war. Aus medizinischer Sicht war das allerdings ein Grenzfall, und im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, ob wir ihr damit wirklich einen Gefallen getan haben.
Doch im Leistungssport gelten andere Maßstäbe als im normalen Alltag. In einer Situation wie Olympia sind Athleten bereit, Risiken einzugehen, die man sonst nicht empfehlen würde. Am Ende haben beide Sportlerinnen einen hohen Preis bezahlt. Das möchte eigentlich niemand, aber auch das gehört leider zum Spitzensport.
Wie intensiv war der Austausch der Athleten untereinander?
Ein Klassiker bei Olympia ist das sogenannte „Pin-Game“. Fast jede Nation hat Pins mit Flaggen oder Symbolen dabei, die untereinander getauscht werden, und es geht darum, möglichst viele zu ergattern. Dadurch kommt man ins Gespräch, besonders mit Athleten aus kleineren Nationen, deren Pins hochbegehrt sind. Wer fleißig tauscht, kann am Ende schon mal 50 oder 60 Pins gesammelt haben.
Was nehmen Sie persönlich aus diesen Spielen mit?
Mit meinem Spezialgebiet – Fußproblemen – hatte ich diesmal eher wenig zu tun. Für solche Fälle war aber auch eine deutsche Orthopädietechnik-Firma vor Ort. In einigen Dingen bin ich wieder ein Stück schlauer. Nach dieser Olympiade muss ich meine Einschätzung, was das Thema Risiko im Leistungssport angeht, neu überdenken. Zu sehen, wozu der menschliche Körper im Extremfall fähig ist und wo die Grenzen der Sicherheit liegen, bringt mich auch für meinen klinischen Alltag weiter.